Unter Büchern

Unter Büchern

Donnerstag, 11. Juni 2015

Fred Uhlman: Der wiedergefundene Freund

Copyright: Cornelia Conrad
Ich weiß: Klassiker haben es schwer. Weil wir in der Schule gelernt haben, daß Klassiker zu lesen Arbeit ist? Dabei gibt es so großartige, lesbare Geschichten, die Klassiker geworden sind. Weil sie immer weiter gültig sind in ihren Aussagen. Ich spreche nicht von Goethe oder Schiller, ich spreche von Trouvaillen, von kleinen Perlen im Heuhaufen, die es so lohnt, sie zu finden. Wie zum Beispiel eben diese, für die ich heute eine Lanze brechen will.
Denn ich wünsche mir, daß auch Ihr dieses große Buch kennen- und dann mit Sicherheit lieben lernt.

"Der wiedergefundene Freund" von 1971 ist eine Erzählung, 116 Seiten lang, in der jedes Wort sitzt. Gemeißelte Sätze. Ein anderer Autor hätte für diese Geschichte viele hundert Seiten gebraucht, viele, viele Wörter und – das wage ich zu behaupten – hätte (deshalb? trotzdem?) nicht diese Eindringlichkeit erreicht. Fred Uhlman dagegen hat in seiner Beschränkung aufs Wesentliche, aufs Not-Wendige, ein kleines dichtes Meisterwerk geschrieben. Über eine Freundschaft.
Die Geschichte handelt von Hans Schwarz, einem 16jähigen Jungen, der schüchtern und einsam ist.

Donnerstag, 28. Mai 2015

Dörte Hansen: Altes Land


Copyright: Cornelia Conrad
Ich war sehr skeptisch. Ein Buch, das so gelobt wird, das mir bei Wittwer in Stuttgart wärmstens
empfohlen worden war – es könnte ein Reinfall sein.
So wie Stephan Thomes "Grenzgang", den ich sterbenslangweilig und grottenschlecht fand.
 ABER: ICH BIN HINGERISSEN! So ein wunderbar komponierter, stimmiger Roman! Und die fast neidisch machende Sprache, Bilder von lyrischer Originalität ("Die Wolken zogen ostwärts, als hätten sie Termine")...
Worum es geht?
 Hildegard von Kamcke, ostpreußischer Landadel, strandet am Ende des Kriegs mit Tochter Vera im Alten Land, dem Obstbaugebiet südlich von Hamburg. Bei einer harten Frau, Ida, der die "hergelaufenen Polacken" zuwider sind. Hildegard ist zäh, läßt sich nicht unterkriegen, heiratet den Sohn von Ida. Irgendwann haut sie ab, verläßt ihre Tochter Vera, ihren Mann, den Kriegskrüppel mit dem lahmen Bein und den Albträumen, und zieht mit einem "Bessergestellten"in die Zivilisation Hamburgs, und kriegt noch ein Kind. Marlene.
Jetzt ist Vera alt. Lebt einsam in dem heruntergekommenen riesigen Haus.

Mittwoch, 13. Mai 2015

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

Copyright: Cornelia Conrad
Die Lektüre dieses hinterlistigen Buchs hat Langzeitwirkung.
"Wie oft erzählen wir unsere eigene Lebensgeschichte? Wie oft rücken wir sie zurecht, schmücken sie aus, nehmen verstohlene Schnitte vor? Und je länger das Leben andauert, desto weniger Menschen gibt es, die unsere Darstellung in Frage stellen, uns daran erinnern können, daß unser Leben nicht unser Leben ist, sondern nur die Geschichte, die wir über unser Leben erzählt haben."

Der Roman ist die Geschichte eines Selbstbetrugs. Tony, der "Held", erlebt sich als tough, er macht keine Fehler, eigentlich ist alles in seinem Leben o.k. Und wir gehen ihm erst mal ganz schön auf den Leim.
"Geschichte ist die Summe der Lügen der Sieger", antwortet er seinem Lehrer auf dessen Frage, was Geschichte sei.
Und Tony lebt genau das: die Summe seiner Lebenslügen. Nur, daß er kein Sieger ist für uns als Leser. Für sich selbst natürlich schon.
Im ersten Teil des Romans erzählt uns Tony von der Schülerfreundschaft mit drei Klassenkameraden. Einer von ihnen ist Adrian, ein kluger und analytischer Intellektueller, reif und besonnen, zu ihm fühlt sich Tony besonders hingezogen.
Als der oberflächliche Tony, der zu keinen Gefühlen fähig ist, seine Freundin Veronica an Adrian verliert (die Beziehung war eh am Ende!), ist er tief gekränkt und schreibt einen groben, verletzenden Brief voller Schmähungen und Verwünschungen an das junge Paar.

Und als er von einer längeren Reise heimkommt, erfährt er, daß Adrian sich das Leben genommen hat.



Donnerstag, 30. April 2015

Julie Otsuka: Wovon wir träumten

copyright: Cornelia Conrad
Ich bin überwältigt von diesem Buch. Es klingt. Es klingt wie ein a-capella-Chor.
Sie reisen mit großen Hoffnungen auf ein bessers Leben nach Amerika: junge Japanerinnen, die von ihren Müttern zuhause gefragt worden waren: "Möchtest du den Rest deines Lebens gebückt auf einem Feld verbringen?"
Sie ließen sich anwerben, Anfang des 20. Jahrhunderts, als Ehefrauen für japanische Männer, die schon in Amerika lebten.
In ihren Koffern haben sie "alles, was wir für unser neues Leben brauchten: weiße Seidenkomonos für die Hochzeitsnacht, bunte Baumwollkimonos für jeden Tag, Kalligraphiepinsel, geblümte Seidenschärpen..."
In ihren Köpfen haben sie die Ermahnungen ihrer Mütter: "Halte deine Teetasse mit beiden Händen, bleib aus der Sonne, sprich nie mehr, als du mußt".
Und in ihren Herzen haben sie große Hoffnungen: auf ein schönes Haus. Auf einen Garten voller Tulpen. Darauf, nie mehr auf einem Reisfeld arbeiten zu müssen.
Alles, alles vergeblich.

Donnerstag, 23. April 2015

Rachel Joyce: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry



copyright: Cornelia Conrad
"Wer bin ich eigentlich", fragt sich Harold. Seine Frau "war so mit ihrem Sohn David beschäftigt, daß sie niemand anderen sah".

 Er selbst ist eigentlich nicht vorhanden. Er hat keine Freunde, er hat keine Sprache, er hat keine Aufgabe, seit er in Rente ist. Er lebt in einem Mausoleum. Seine Frau und er sind sich fremd geworden, sie putzt – mit Vorliebe das Zimmer ihres abwesenden Sohnes, auf den sie schon so lange wartet. Harold kratzt Unkraut von den Gehwegplatten.

Da bekommt er einen Brief. Von Queenie, einer ehemaligen Kollegin. Die er seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Sie schreibt ihm, daß sie Krebs habe und daß sie sich verabschieden wolle. Der unbeholfene Harold schafft es schließlich, Queenie in dürren Worten zu antworten. Und macht sich auf den Weg zum nächsten Briefkasten. An dem geht er vorbei. Auch am nächsten und übernächsten. Als er schon beinahe aus der Stadt hinausgelaufen ist, bekommt er Hunger – und an einer Tankstelle serviert ihm das junge Ding dort nicht nur einen Burger, sondern auch eine Weisheit, die sein Leben auf den Kopf stellen wird: "Man muß daran glauben, daß ein Mensch wieder gesund werden kann. Unser Geist ist viel größer, als wir begreifen. Wenn wir fest an etwas glauben, können wir alles schaffen."


Donnerstag, 9. April 2015

Erri de Luca: Montedidio



copyright Cornelia Conrad
Dieses Buch ist ein Kleinod.Es leuchtet, wenn man es ganz langsam liest.

Aber man kann es gar nicht schnell lesen. Denn in beinahe jedem seiner sorgsamen, sparsamen Sätze stecken noch ganz andere Geschichten als die, die der Ich-Erzähler gerade erzählt.
Er ist 13 Jahre alt. Ein neapolitanischer Junge, der "auch im Winter Sandalen trägt". So schmuggelt de Luca die Information: der Junge ist das Kind armer Eltern... Er arbeitet nach fünf Jahren Schule bei Meister Errico, dem Schreiner, in der Werkstatt.
Abends übt er auf der Dachterrasse des Hauses mit seinem Bumerang. Eines Tages, wenn der Junge stark genug geworden ist, wird er den Bumerang fliegen lassen. "Das ist ein Flügel aus Holz."

Mittwoch, 1. April 2015

Donna Tartt: Der Distelfink

copyright Cornelia Conrad
Hier ist das richtige Buch für alle, die über Ostern beim Lesen versinken möchten – es hat 1 000 Seiten! Leider ist es aber erst gebunden auf dem Markt...

Donna Tartt, vielen durch ihre "Geheime Geschichte" bestens in Erinnerung, erzählt in ihrem neuen Buch eine Geschichte, die mich sofort fesselte: Theo, 13, flüchtet mit seiner Mutter vor dem Regen in New York ins Museum. Seine Mutter ist eine große Kunstliebhaberin, und obwohl sie kein Geld hat (der Ehemann, ein Hallodri, ist abgehauen und hat einen Berg Schulden hinterlassen), ist sie Dauergast im Museum. Vor allem das Bild "Der Distelfink" hat es ihr angetan.

Plötzlich gibt es eine unglaubliche Detonation. Theo gelingt es, sich aus einem Trümmerberg zu befreien und auf die Straße zu retten. Den "Distelfink", der am Boden lag, nimmt Theo einfach mit.