Unter Büchern

Unter Büchern

Donnerstag, 22. November 2018

Amor Towles: Ein Gentleman in Moskau

Graf Rostov ist ein im besten Sinn altmodischer Gentleman. Er ist gebildet, er hat Stil, er ist – natürlich! – sehr wohlerzogen. Und da er dank seiner Erziehung und seiner Herkunft fürs Leben als Humanist bestens ausgerüstet ist, trägt er sein Schicksal mit Grandezza: Er wir nach der russischen Revolution verhaftet – angeblich, weil er ein unliebsames Gedicht verfasst hat, in Wirklichkeit, weil er adlig ist.
Er wird zu lebenslanger Haft verurteilt, aber nicht im Gefängnis, sondern im ersten Hotel Moskaus, im „Metropol“.
Früher war er dort Gast, wohnte in  seiner Suite. In der standen  Möbel aus Gut Weile, wo er aufgewachsen war.
Jetzt muß er die Suite  - mit Blick aufs geliebte Bolschoi-Theater – räumen und umziehen in die neun Quadratmeter kleine Dachkammer, die ihm zugewiesen wird. Sie erinnert an eine Mönchszelle, war ursprünglich für das Dienstpersonal der Hotelgäste gedacht. Das Fenster in der Gaube hat die Größe eines Schachbretts...
Graf Rostov entdeckt aber, daß es hinter der Wand seines Kleiderschranks einen weiteren Raum gibt. Er entrümpelt ihn und macht ihn zu seinem Studierzimmer, wo er mit Vorliebe in den „Essais“ von Montaigne liest.
Er scheint so sehr in sich zu ruhen, daß er nie hadert, nie schlechte Laune hat, immer höflich und freundlich ist zu den Angestellten des Hotels  – kurz: er ist und bleibt ein Gentleman. Obwohl er nur noch eine Innenwelt und keine Außenwelt mehr hat: er hadert nicht, er geht mit Optimismus und Leichtigkeit durch seine klein gewordene Welt. Ob er einmal die Woche zum Friseur des Hotels geht oder zum abendlichen Diner ins Restaurant, ob er in der Bar noch einen Schlummertrunk nimmt oder sich in der Nähstube zeigen lässt, wie man Knöpfe annäht: er ist überall beliebt und wird mit dem gleichen Respekt behandelt, den er den anderen entgegenbringt.
Und dann taucht Nina auf. Nina ist neun Jahre alt und höchst wissbegierig. Im Grafen findet sie den Menschen, der in ihrer Entwicklung eine große Rolle spielen wird...
Die Tischgespräche zwischen den beiden sind hinreißend, sowohl der Graf als auch wir Leser sind vernarrt in dieses Mädchen, das kluge Fragen stellt und  die Antworten zu bedenken weiß.
Aber Nina wird größer und muß das Hotel eines Tages verlassen. Im ehemaligen Ballsaal konferieren inzwischen eifrige Kommunisten. Der neue Hoteldirektor ist ein fieser Typ, der sich aus kleinsten Verhältnissen hochintrigiert hat. Deshalb ordnet er an, daß der Graf, der ihm ein Dorn im Auge ist, ab sofort als Oberkellner zu arbeiten hat. Auch nach dieser weiteren Degradierung bleibt Graf Rostov höflich und zuvorkommend. Auch diese Volte trägt er mit Grandezza.Und seine Kollegen sind froh, daß sie ihn haben; denn er weiß die prekärsten Situationen im Speisesaal diskret und souverän zu meistern.
Wir begleiten  den Grafen durch die Jahrzehnte. Ein toller Trick des Autors: wir erleben dabei auch  die Geschichte Russlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – aber, wie unser Held,   immer nur durch die Fenster des Hotels (oder durch die Drehtür, die noch eine wichtige Rolle in dem Roman spielen wird!).
Und dann wird es richtig spannend. Nina taucht wieder auf. Und bittet ihren gräflichen Freund um einen folgenreichen Gefallen.
Mich hat das Buch (558 Seiten!) tagelang gefesselt. Und ich fühlte mich regelrecht verwaist, als es zu Ende war. Es ist intelligent erzählt, es hat Humor und Wärme. Es hat – das bestätigen alle, die es gelesen haben - in der ersten Hälfte einen „Hänger“, aber bitte: haltet durch! Ihr werdet mit einer Geschichte belohnt, die Ihr nicht mehr vergesst.
Seinen   Erfolg verdankt das Buch den begeisterten Leser-Empfehlungen. Das Hochfeuilleton hat von ihm keine Kenntnis genommen/nehmen wollen. Aber das macht nichts.
Es ist ein Juwel im Bücherschrank.

Copyright: Cornelia Conrad



Freitag, 23. Februar 2018

Andrei Makine: Die Liebe am Fluß Amur

Drei pubertiertende Jungs, die nichts kennen als abgearbeitete, bis zur Unkenntlichkeit vermummte Frauen ohne Weiblichkeit; als derbe Holzlasterfahrer, die es diesen Frauen "machen“: es gibt in ihrem Mikrokosmos kein Wort für Liebe – und also auch keine Vorstellung davon.
Es ist ein perspektivloses Leben, das Mitja, Utkin und Samurai leben; ohne Plan, ohne Zukunft außer der, später, wenn sie erwachsen sein werden, auch Holzlaster zu fahren, zu saufen, es einer Frau „zu machen“. Ganz bestimmt nicht: zu träumen. Denn ihre Welt ist so klein und eng, daß sie gar nicht wissen, daß es Träume gibt – oder wovon sie womöglich träumen könnten.
Sie leben in einem gottverlassenenen Nest in der tiefsten Taiga. Die Winter dauern neun Monate lang, der Schnee liegt so tief, daß er die Häuser unter sich begräbt. Die Menschen sind müde und ohne Liebe, das Überleben fordert alle Kraft.
Da, oh Wunder, wird im Kino der nächsten Stadt ein Film mit Belmondo gezeigt. Sie können es nicht fassen. Ist das ein Versehen der Kommunisten in Moskau? Die drei Feunde stapfen acht Stunden lang durch den Schnee, um ihn sich anzuschauen. Es ist ihre erste Begegnung mit dem Westen – und sie sind sofort erregt und gleichzeitig fassungslos: es gibt eine Welt außerhalb der ihren! Und was für eine! Sie sehen bezaubernde Städte – Venedig! -, sie sehen erotische Frauen – aber vor allem erleben sie den Schauspieler Belmondo, den Haudegen, den kraftvollen Kämpfer und Verführer.
Und plötzlich öffnet sich durch diesen Film ein Fenster, von dem sie gar nicht wußten, daß es das gibt. Ein Fenster, durch das sie sehen, erleben können, was alles möglich sein kann.
Sie gehen in jede Vorstellung, achtzehn Mal, sie lernen den Film auswendig, sie diskutieren über ihren Helden, sie entdecken bei jedem Schauen neue Winzigkeiten, die sie lange beschäftigen. Ihnen ist, als ob Belomondo ihr Korsett der Enge sprengen würde.
Die Beschreibung ihrer Nachtwanderungen durch die Taiga sind von einer  solchen Intensität, daß wir meinen, es selbst zu erleben: das Knacken der Bäume unter der Schneelast, die Flocken, die beim Taumeln vom Mond beschienen werden, als ob sie aus Silber wären, die große Stille, die  Weite ohne Ende.
Die drei Freunde verändert der Film, ohne daß sie es merken. Es ist ihre Identifikationsfigur Belmondo, der sie ganz allmählich mögliche Wege aus ihrer inneren und äußeren Enge ahnen läßt.
Er weckt in ihnen Mut, sie selbst zu sein. Zu werden. Zu handeln. Träume zu haben.
Und er zeigt ihnen, daß die Liebe nicht nur  freudloses Gerammel ist, sondern Prickeln und Flirren und Schmerz und Sehnsucht.
Das ist ein ganz wunderbares Buch. Ich mußte es sehr langsam lesen, denn die Sprache Makines ist so eindringlich, so voller Poesie, daß man nicht schnell lesen kann – man würde sich den Genuß stehlen, in den Bildern zu versinken, die der große sibirische Erzähler Makine (der übrigens schon lange in seinem  Sehnsuchtsland Frankreich lebt und auf Französisch schreibt) mit seinen Worten zaubert.


Copyright: Cornelia Conrad


Freitag, 19. Januar 2018

Maeve Brennan: Der Teppich mit den großen pinkfarbenen Rosen

Copyright: Cornelia Conrad
Der Anfang ist wie ein Standbild aus einem alten Schwarzweiß-Film: Wir sehen eine stille schöne Frau, Mrs. Bagot, die in ihrem Vorgarten Rosen  schneidet. Ein Hund liegt dösend an den Stufen zur Küchentür und beobachtet sie. Auf dem Rasen ist eine Decke ausgebreitet, darauf spielen Mrs. Bagots kleine
Töchter, Lily und Margaret.
Mrs. Bagot und ihre Familie wohnen in einem Dubliner Vorort. Das  Reihenhaus ist klein, es hat  vier Zimmer, steht in einer Sackgasse, Geschäfte (das Leben!) sind  erst auf der Hauptstraße um die Ecke.
Die Autorin läßt sich viel Zeit, den Ort der Handlung zu beschreiben. Und sie ist dabei so genau und detailliert, so atmosphärisch,  daß wir schnell ahnen: es müssen die 1950er Jahre sein.

Aber eigentlich gibt es in dem Buch keine richtige durchlaufende Handlung. Es sind acht Erzählungen, jeweils kleine Episoden aus Mrs. Bagots Leben.
In der ersten Erzählung erfahren wir, daß die Blumen, die Mrs. Bagot schneidet, für ihren Mann Martin sind. Sie will damit sein Zimmer verschönern. Denn Martin hat sich allmählich immer mehr aus dem Familienleben zurückgezogen und schläft mittlerweile in einer eigenen Kammer. Er muß ein seltsamer Mensch sein, der nur arbeitet, der keine Tiere im Haus will, der sich schnell gestört fühlt.

Samstag, 16. Dezember 2017

Susann Pásztor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster


Copyright: Cornelia Conrad
Herr Wiener ist nicht unbedingt ein Typ, der einem sympathisch ist.
Er ist ein introvertierter Einzelgänger, er hat keine sonderlichen Interessen oder Hobbys. Freunde schon gar nicht. Sein einziger sozialer Kontakt – wenn man das überhaupt so nennen kann – ist der zu seinem 13jährigen Sohn Phil, den er allein erzieht.
Herr Wiener nun läßt sich zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter ausbilden.
Und kommt bei seinem ersten Besuch: zu Karla.
Karla ist eine lebhafte, temperamentvolle widerspenstige und vor allem völlig unkonventionelle Frau um die Sechzig. Sie läuft immer barfuß („mit Schuhen kann man nicht so schnell weglaufen“!) und trägt über ihrem mager gewordenen Körper bunte Klamotten. In ihrer völlig überhitzten Wohnung hängen jede Menge Konzertplakate der Popgruppe „The Greatful Dead“ an den Wänden.
Karla hat Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium. Sie wünscht sich eher menschlichen Kontakt und normale Gespräche ohne Betroffenheitstonlage als Sterbebegleitung.
Deshalb reagiert sie spöttisch, als der beflissene, übermotivierte Fred Wiener bei ihr auftaucht und läßt ihn auflaufen.

Dienstag, 21. November 2017

Richard Russo: Diese gottverdammten Träume


Copyright: Beate Schröder
Mannomann – was für ein großartiges Buch!
Ich bekam es von einer Freundin für die Ferien geschenkt – und die Lektüre hat mich so gebannt, daß ich die 750 Seiten in vier Tagen las.
Ich war (und bin) so hingerissen von dem Roman, daß meine Blogger-Unlust mit einem Schlag beendet war. Was für ein Glück für mich – und hoffentlich auch für Euch.
Also: Miles, der Antiheld dieses Sittengemäldes, ist ein Mann mittleren Alters. Er blieb in dem gottverdammten Nest Empire Falls hängen, weil er seine sterbende Mutter begleiten wollte und deshalb sein Studium abbrach. Er ist  lieb und sanftmütig, schicksalsergeben, ein Zauderer; einer, der immer versöhnlich ist und auf Ausgleich bedacht  – egal, wie mies man mit ihm umgeht. Und es gehen einige ziemlich mies mit ihm um:
Da ist zum einen seine Frau Janine. Sie hat ihn wegen eines sexstrotzenden Gockels verlassen und meint, mit diesem testosterongesteuerten Hohlkopf könne sie endlich das Leben leben, das sie  nicht  hatte an der Seite ihres langweiligen Mannes Miles. Der geht nämlich in der Geschäftsführung seines kleinen Lokals völlig auf und schuftet sich dumm und dusslig in dem Diner. Selbstverständlich überläßt der gute Miles seiner Janine nach der Trennung das gemeinsame Haus und bezieht ein Zimmer über seiner Burger-Braterei.
Zum anderen ist da die allmächtige Mrs. Whiting.

Sonntag, 23. Juli 2017

Mary Ann Shaffer/Annie Barrows: Deine Juliet


Copyright: Cornelia Conrad
„Ich fand es schon damals und finde es noch heute erstaunlich, daß so viele Leute, die in eine Buchhandlung kommen, nicht recht wissen, wonach sie eigentlich suchen – sie wollen sich nur umsehen und hoffen, ein Buch zu entdecken, das ihre Phantasie beflügelt. Und dann, schlau genug, um sich nicht auf den Klappentext des Verlages zu verlassen, stellen sie dem Angestellten der Buchhandlung drei Fragen: 1. Wovon handelt es? 2. Haben Sie es gelesen?
3. Ist es gut?“ – schreibt Juliet an Sidney.
Es ist gut! Es ist sogar sehr gut! Deshalb habe ich es mit großem Vergnügen gleich zweimal gelesen.
Wovon es handelt?
Von Juliet. Die ist eine erfolgreiche englische Schriftstellerin. Sie ist eine Freundin ihres Verlegers Sidney (schwul) und dessen Schwester Sophie.
Mit ihrem Erfolgsbuch „Izzy Bickerstaff zieht in den Krieg“  ist sie zur Zeit auf Lesereise durch England.
Aber was will sie als nächstes schreiben? Jedenfalls nichts mehr über den Krieg.
Eines Tages erreicht sie der Brief eines gewissen Dawsey von Guernsey.

Freitag, 30. Juni 2017

Juli Zeh: Unterleuten

Copyright: Cornelia Conrad
Mein Lieblingsbuchhändler bei Wittwer in Stuttgart schwärmte in den höchsten Tönen davon. Ich machte trotzdem lange einen großen Bogen um dieses Buch, es war mir einfach zu dick.
Jetzt habe ich es endlich gelesen. Verschlungen.
Und muß Euch sofort mit hineinnehmen in meine Begeisterung!
„Unterleuten“ – was für eine manierierte Zusammenziehung von zwei Wörtern; dachte ich immer. „Unterleuten“  aber ist ein Dorf. Und damit ist der Titel –so wie dann der ganze Roman – höchst hintersinnig.
Ein Dorf irgendwo in der ostdeutschen Pampa. Die Menschen, die da leben, werden uns nacheinander vorgestellt – und schon beim ersten Portrait ahnt man, wo es langgehen wird:
Ein junges Paar, Gerhard und Jule, von der bösen lauten Großstadt weggezogen ins beschauliche Dorf.  Er ist doppelt so alt wie sie, verkrachter Uni-Dozent, von seinem Gutmenschentum besoffen, jetzt engagierter Vogelschützer, sie seine ehemalige Studentin, natürlich bildhübsch. Die beiden haben  ein kleines Kind. Sophie.  Wird von der Mutter ständig herumgetragen, ständig gestillt und ständig gegen den fürsorglichen  Vater abgeschottet. Die drei leiden im knallheißen Sommer bei hermetisch verschlossenen Fenstern und Türen, denn nebenan wohnt „das Tier“, Schaller mit Namen, und der verbrennt Tag und Nacht alte Autoreifen und räuchert damit die Neuzugezogenen so ein, daß deren  Nerven bald blank liegen.

Dienstag, 4. April 2017

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol

Copyright: Cornelia Conrad
Natascha Wodin hat den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen. Zu Recht!
Ihr Buch ist  grandios, es hat solch eine Wucht, ich wünsche es mir als Schullektüre: bildend, aufklärend, aufrüttelnd.
Die Autorin kam 1945 in Fürth auf die Welt, ihre Eltern waren ukrainische Zwangsarbeiter, die man während des Kriegs nach Deutschland verschleppt hatte. Als Natascha Wodin neun Jahre alt war, brachte sich ihre Mutter um; sie, die schon immer eine Neigung zu „verschatteten Augen“ hatte, kam mit dem Leben ohne Wurzeln nicht zurecht, und die Ablehnung der Deutschen nach dem Krieg gegen „das  Russenpack“ erstickte das letzte Quentchen Hoffnung auf Leben in Würde in ihr. Diese Deutschen, die den Heimatlosen die kalte Schulter zeigten – wie aktuell ist das alles!
Fast ihr ganzes Leben lang hat sich Natascha Wodin gefragt, wer eigentlich ihre Mutter war; ihre Erinnerungen an sie waren eher atmosphärisch.

Freitag, 24. März 2017

Bruno Preisendörfer: Als unser Deutsch erfunden wurde


Copyright: Cornelia Conrad
Mein Liebster war so erfreut von diesem Buch (das ich ihm geschenkt hatte!), daß er seine Lesefreude unbedingt mit mir teilen wollte - und so las er  mir immer wieder Stellen draus vor. Die fand ich, obwohl ich sonst kein Sachbuch-Fan bin, so locker wie geistreich, so daß ich ihm vorschlug, einen Gastbeitrag für meinen blog zu schreiben. Auf daß seine Freude an dem Buch ansteckend sein möge!
Hier ist also Karlheinz Dreyers Besprechung "Als unser Deutsch erfunden wurde" von Bruno Preisendörfer:
Der Titel ist irreführend, obwohl er korrekt ist. Der „Erfinder“ war Luther. Mit seiner Bibelübersetzung, seinen Predigten, seinen Schriften und mit Hilfe der Buchdrucker hat er „unser Deutsch“ wesentlich geprägt. Aber nicht darum geht es in dem Buch in erster Linie. Preisendörfer beschreibt die Zeit, in der das geschah, den Anfang des 16. Jahrhunderts.
Wir wissen viel über diese Zeit, nur liegt unser Wissen in kleinen Splitterteilchen überall herum. Preisendörfer hat die Splitter zusammengefegt und ein Mosaik daraus gemacht. Er gibt aber nicht mit seiner Arbeit an. Er tut so, als hätte er das
Mosaik vorgefunden und müßte es nur noch beschreiben. Deshalb ist es so leicht und so unterhaltsam, dieses Sachbuch zu lesen.

Freitag, 24. Februar 2017

Barbara Honigmann: Chronik meiner Straße

Copyright: Cornelia Conrad


Sie blickt „auf die Straße des Anfangs, in der viele Völker wohnen ..., Hunde und Katzen und ein paar Verrückte“.
Sie beobachtet die Möwen, die „vom nahe gelegenen Rhein durch die Straße stürzen“.
Barbara Honigmann ist nach der Wende von Ostberlin nach Straßburg gezogen.
In die Rue Edel, eine häßliche Straße, die einen eigentlich nicht zum Bleiben einlädt.
Im gedachten Provisorium wurde nur das Nötigste ausgepackt, der Rest blieb in Kisten – und manche dieser Kisten stehen immer noch ungeöffnet herum.
Sie hat als erstes Französisch gelernt. Und ihren Schreibtisch ans Fenster gestellt.
Dieser Ausblick ist sowohl buchstäblich als auch bildlich ihr Fenster in den Mikrokosmos der Straße.

Dienstag, 10. Januar 2017

C(ecil) S(cott) Forester: Tödliche Ohnmacht

Copyright: Cornelia Conrad
So einen guten  und klugen Krimi habe ich schon
lange nicht mehr gelesen.
Seine Psychologie ist frisch und unglaublich modern – dabei wurde er schon 1935 geschrieben. Von einem Autor, der offensichtlich sehr viel wußte um seelische Abgründe – und um Manipulation.
Wer beim Namen Forester ins Nachdenken kommt (wo hab ich den Autorennamen nur schon mal gehört?): ja, genau, das ist der mit den „Hornblower“-Romanen. Und der das Drehbuch zum Film  „African Queen“  mit Katherine Hepburn und Humphrey Bogart geschrieben hat.
Die junge Marjorie ist unglücklich verheiratet mit Ted, einem grobschlächtigen Menschen, der seine Frau als Haus- und Sexskavin mißbraucht, der ausgesprochen cholerisch ist – und der es sich draußen, in Kneipen und Separées, gut gehen läßt, während zu Hause seine Frau die Kinder erzieht und den Haushalt bewältigt.
Eines Abends kommt Marjorie von einer Freundin nach Hause und findet ihre kleine Schwester Dot, die die Kinder hüten sollte, tot auf dem Küchenboden. Selbstmord?
Sehr schnell begreifen sowohl Marjorie als auch ihre Mutter, Mrs. Clair, daß der böse Ted ganz offensichtlich eine Beziehung mit Dot gehabt haben mußte; und als die Gerichtsmedizin feststellt, daß Dot schwanger war, ist für die beiden  klar: Ted hat Dot umgebracht. Aber was können sie tun? Nichts, glaubt Marjorie. Denn sie kann ihn nicht anzeigen – sie will und muß ihren Kindern die Schmach ersparen, Kinder eines Mörders zu sein.
Marjories Mutter, die Ted nie leiden konnte, schwört aber Rache. Und schmiedet einen heimtückischen Plan, wie sie Ted so richtig übel bestrafen kann. Die unscheinbare, freundliche ältere Dame, die immer so sanft und liebevoll daherkommt und der niemand auch nur einen bösen Gedanken zutraut,  entwickelt sich in ihrem Innersten zu einem brodelnden Vulkan, zu einer Rachegöttin, zu einer höchst gescheiten – und äußerst erfolgreichen! – Strippenzieherin, um an ihr Ziel zu kommen.
Da ist zum Beispiel der junge George, Kollege von Ted, der bei ihr zur Untermiete wohnt. Den verkuppelt sie peu a peu mit ihrer Tochter, und Marjorie und George verlieben sich (wie vorgesehen!)
heiß und sehnsuchtsvoll ineinander...
Es ist fast nicht zu glauben, daß sich 1935 ein Mann (!)  derart in die gequälte Seele einer jungen einfachen Frau hineinversetzen konnte.  Zum anderen ist die Atmosphäre der Kleine-Leute-Vorstadt von London unglaublich plastisch beschrieben; diese Enge, diese Spießigkeit, dieses  Ausgespähtwerden durch Nachbarn hinter zugezogenen Gardinen. Wie kann man dieser Hölle entkommen? Wie kann man sich seinen prügelnden, vergewaltigenden Eheman vom Leib halten? Forester nimmt eindeutig Stellung für die arme Marjorie – und allein diese mit-leidende Sicht des Autors durch Marjories Augen macht den Roman zu großer Lesefreude. Und ich habe mich beim Lesen an einen anderen Kenner weiblicher Seelen erinnert gefühlt: an Gustave Flaubert, der seine Emma ja auch mit ganz erstaunlichem Gespür beschrieben hat.
Mehr wird  aber hier jetzt  nicht verraten.
Die ersten paar Seiten lesen sich etwas trutschig, aber dann nimmt der Roman  Fahrt auf und man kommt nicht mehr los von dieser immer spannender werdenden Geschichte – die unweigerlich auf eine Katastrophe zusteuert.


Samstag, 17. Dezember 2016

Velma Wallis: Zwei alte Frauen

Copyright: Cornelia Conrad
Hier ist der ultimative Geschenktip für alle, die noch nach etwas ganz besonderem suchen.
Als das schmale Büchlein vor 24 Jahren das erste Mal auf deutsch erschien, war ich so begeistert davon, daß ich  sofort 20 Stück gekauft  und zu Weihnachten  allen Freundinnen  geschenkt habe. Da es aber immer noch Menschen geben soll, die diese wunderbare Indianerlegende nicht kennen, setze ich ich sie als letzten Beitrag für dieses Jahres in meinen Blog.
Ein Indianerstamm in Alaska erlebt einen besonders harten Winter. Es gibt so gut wie keine Tiere mehr  zu jagen, die Elche haben sich vor der großen Kälte verzogen. Es droht der Hungertod. Da beschließt der Ältestenrat: der Stamm muß auf Nahrungssuche gehen, fort, in eine bessere Gegend, in der man den Winter  überleben kann.
Zu dem Stamm gehören auch zwei alte Frauen.  Schon lange werden sie von den Jüngeren mit Nahrung und Wasser versorgt, und wenn der Stamm in andere Gegenden weitergezogen ist, hat man ihnen ihre Lagerplätze eingerichtet.
Da die beiden  Frauen nur noch unnütze Esser sind, beschließt der Häuptling: sie sind alt und gebrechlich, bei der beschwerlichen Wanderung nur hinderlich – deshalb werden sie zurückgelassen. Das ist Stammesgesetz...

Sonntag, 27. November 2016

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

Copyright: Cornelia Conrad
Ich war früher auch so: gab es einen Hype um ein Buch – und stand es ewig auf der Bestsellerliste und lag es in jedem Schaufenster -, rümpfte ich die Nase und dachte mir:
Das kann ja nix sein!
Das hier ist aber was! Nämlich großartig. Süffig. Intelligent. Atmosphärisch. Und süchtig machend.
Elena Ferrante erzählt in diesem wunderbaren Buch die Geschichte von zwei Mädchen. Lila und Elena. Sie lernen sich im Neapel der 1950er Jahre als Kinder kennen und hängen wie die Kletten aneinander. Dabei sind sie sehr unterschiedlich: Elena, die Ich-Erzählerin, die die ganze Geschichte ihrer Freundschaft mit Lila in der Retrospektive erzählt, ist ein narzisstisches, ehrgeiziges Kind (nicht unbedingt sympathisch); Lila dagegen ist sehr gradlinig, oft sehr ruppig, hochintelligent – und rätselhaft.
Während Elena die weiterführende Schule besuchen darf, muß Lila ihrem Vater in seiner Schusterwerkstatt helfen. Aber sie besorgt sich einen Ausweis für die Bibliothek der Stadt (und für Vater-Mutter-Bruder  gleich mit, obwohl die nichts vom Lesen halten, aber so kann sie mehr Bücher ausleihen!) und lernt autodidaktisch alles (und leichter und schneller), was Elena in der Schule mühsam erarbeitet.

Samstag, 12. November 2016

J.L. Carr: Ein Monat auf dem Land

Das ist eine ganz entzückende, zarte kleine Geschichte, deren Leichtigkeit mich sehr verzaubert hat.
Ein junger Mann, schwer kriegstraumatisiert, kommt im Sommer des Jahres 1920 in das kleine englische Dorf Oxgodby – er hat  seinen ersten Auftrag als Restaurator: er soll dort ein übertünchtes Wandgemälde in der Kirche freilegen.
Der Pfarrer, Reverend Keach, findet das zwar unsinnig, ist ensprechend muffig und abweisend; da er aber das Testament einer reichen Frau erfüllen muß (Bedingung: Ihr bekommt mein Geld nur, wenn Ihr das verborgene Wandgemälde in der Kirche freilegen lasst!), begrüßt er den jungen Fremden widerwillig: „Mein Gesicht... neigte zu krampfartigen Zuckungen. Menschen wie Reverend Keach riefen es geradezu hervor...“
Langsam lernt der junge Mann, dessen Namen wir erst im Verlauf der Geschichte erfahren (er heißt Tom Birkin), die Dorfbewohner kennen. Allen voran die bildhübsche Alice Keach, Ehefrau des muffigen Pfarrers, die ihn in ihrer Schönheit an ein Botticelli-Gemälde erinnert: „Man stelle sich vor – der ganze Stolz der Uffizien spazierte einfach so in der Fremde herum, in – Gott stehe uns bei – Oxgodby!“  Dann gibt es noch die 14jährige Kathy Ellerbeck, Tochter des Bahnhofsvorstehers, die Tom Birkin unmerklich immer mehr ins (Dorf-)Leben zieht. Oder den nonchalanten Moon, der nach einem uralten Sarg auf dem Kirchengelände suchen soll.
Mr. Birkin wohnt, um Geld zu sparen, im Glockenturm der Kirche. Von dort hat er einen hinreißenden Blick hinunter auf die englische Sommerlandschaft. Und  schläft da oben „zum ersten Mal seit vielen Monaten  wie ein Toter... Nachts gab es dort oben auf meinem Dachboden hoch über den Wiesen und Feldern  und fern der Straße, zu weit entfernt, als dass Stimmen zu hören gewesen wären, nichts, was mich störte.“
Je mehr Mr. Birkin Stück für Stück in das Wandgemälde vordringt –und dabei immer mehr ins Staunen kommt über dieses kolossale Kunstwerk -, dabei immer wieder Besuch bekommt von der schönen Alice oder der neugierigen Kathy, kommt er, ohne es zu merken, auch wieder ins Leben zurück. Diese Allegorie gefiel mir sehr – indem die Figuren des Wandgemäldes sichtbar werden, werden es auch die Dorfbewohner. Der Schlüsselsatz der Erzählung klingt zwar etwas holprig (was sehr schade ist), trifft es aber auf den Punkt: „Doch dann wurde ich, wie es sich eben so zuträgt, in das sich vor meinen Augen verändernde Gemälde namens Oxgodby hineingezogen...“
Sein Gesichtszucken läßt nach, er stottert nicht mehr – und er gesteht sich ein, daß er sich unsterblich in die schöne Pfarrersfrau Alice  verliebt hat.
Die Erzählung von knapp 160 Seiten ist von einer leuchtenden Dichte, jedes Wort, jeder Satz hat Bedeutung und Gewicht.
Und diese Naturbeschreibungen! Wir erleben mit Mr. Birkin einen sirrend heißen August, der nie zu Ende zu gehen scheint. Und meinen, diesen Monat auf dem Land in Oxgodby mit allen Sinnen mitzuerleben.
Die kleine Erzählung erschien schon in den 1980er Jahren in England (der Autor starb 1994) und ist dieses Jahr in Deutschland erschienen. Was für ein Glück!

Copyright: Cornelia Conrad

Samstag, 1. Oktober 2016

Matthias Brandt: Raumpatrouille

Copyright: Cornelia Conrad
Ich bin Gott sei Dank den Rezensenten gefolgt, die dieses Buch hymnisch besprachen. Ich werde ja immer skeptischer, was das Hochfeuilleton angeht – aber hier: Halleluja! Dieses Buch ist einfach grandios.
Brandt erzählt Geschichten.
Und weil er ein sehr empfindsamer Mensch zu sein scheint, werden die Geschichten vor allem von einem getragen: von einer so dichten Atmosphäre, daß man meint, nicht Zuschauer in ihnen zu sein, sondern Beteiligter.
Was in diesen Geschichten Fiktion ist und was real – das ist völlig gleichgültig.
Denn diese Miniaturen stehen  für eine Zeit, die uns heute schon vorkommt wie  ein anderes Universum: die 60er Jahre.
Die  Geschichte „Kein Laut“ handelt vom Flüchtlingskind Ansgar. Ansgar wird von seinem Vater ständig striemenrot geprügelt, und weil er deshalb stottert und ängstlich und defensiv geworden ist, provoziert er seine Mitschüler geradezu, ihn zu quälen. Brandt freundet sich  heimlich mit ihm an – denn er will ja weiter zur Klasssengemeinschaft gehören! -,  und verrät  deshalb diese heimliche Freundschaft ständig; auch das nimmt der zerstörte Ansgar willenlos hin.
Oder die Geschichte „Nirgendwo sonst“: Der kleine Matthias ist eingeladen bei Holger. Da geht es aufgeräumt und familiär zu, abends wird gemeinsam bei Schnittchen „Drei mal Neun“ mit Wim Thoelke angeschaut; der riesige Fernseher prangt in der Gelsenkirchener Barockwand, der „Vatter“ trägt die beliebte Freizeitkleidung Trainingsanzug plus Unterhemd plus Cordschlappen von Romika. Die Mutter einen einteiligen  orangefarbenen Frotteeanzug.

Donnerstag, 25. August 2016

Jeannette Walls: Ein ungezähmtes Leben

Copyright: Cornelia Conrad
Noch ein Sommer-Ferien-Buch, das ich grade mit gieriger Lust verschlungen habe: „Ein ungezähmtes Leben“. Die Story lockte mich, vor allem, da mir das erste Buch der Autorin schon so gut gefallen hatte („Haus aus Glas“). Übrigens erzählte mir gestern eine junge Freundin (der ich auch von dem Buch vorgeschwärmt habe), daß sie dieses Buch im Englisch-Leistungskurs gelesen hätten...

Wenn man das Buch aufschlägt, blickt einen eine bildhübsche, selbstbewußte junge Frau an. Sie hat einen unglaublich tollen Mund, neugierige Augen und das alles wird betont durch ihren 20er-Jahre-Bob.
Ich beneide Jeannette Walls ein wenig um diese Großmutter – wer so eine Vorfahrin hat, bekommt eine großartige Mitgift.
Hier kommt nun also die Geschichte von Lily Casey Smith.
Sie ist die große Stütze ihres Vaters, der eine Ranch betreibt.
Als sie zehn Jahre alt ist, rettet sie ihren kleineren Geschwistern das Leben – vor dem nahenden Hochwasser klettert sie mit ihnen in einen Baum; und damit sie aushalten, bis das Wasser wieder abfließt, zwingt sie die beiden Kleinen, sämtliche US-Staaten aufzusagen, sämtliche Präsidenten zu nennen.
Sie reitet Pferde ein. Mit fünfzehn reitet sie durch halb Amerika, um eine Stelle als Hilfslehrerin anzutreten.

Freitag, 12. August 2016

Homer Hickam: Albert muß nach Hause

Copyright: Cornelia Conrad
Also – das ist eins von den Büchern, die man in den Ferien am Strand liest – und dabei gar nicht merkt, daß man Sonnenbrand kriegt; so sehr ist man von der Geschichte gefesselt.
Ich bin ganz aus dem Häuschen  von diesem leichtfüßig daherkommenden, temporeich erzählten, abgedrehten, skurrilen – was noch? durchaus Gedanken anregenden Roman.
Es ist keine „hohe“ Literatur, die Sprache ist nix besonderes. Aber der Plot ist so klasse, daß das überhaupt nicht ins Gewicht fällt.
Es geht um eine Menage à trois, aber von einer sehr skurrilen Art:
Homer liebt Elsie. Elsie liebt Albert, ihren Alligator. Und außerdem liebt Elsie   immer noch ihre Jugendliebe Buddy. Der ist in der jungen Ehe von Homer und Elsie omnipräsent, denn Albert, der Alligator,  war ein Hochzeitsgeschenk für Elsie.
Aber Albert wächst. Und Homer stellt seine Elsie vor die Entscheidung: Er oder ich! Elsie hasst das Kaff Coalwood, West Virginia, in dem ihr Mann Bergarbeiter ist und in dem es immer staubig und dreckig ist – und so findet sie den Plan nicht schlecht, Albert in die Freiheit zu entlassen: nicht irgendwo - sondern dort, wo er herkam: im sonnigen Florida.

Donnerstag, 28. Juli 2016

Petra Reski: Ein Land so weit

Copyright: Cornelia Conrad
„Meine Großmutter wollte nie zurück. Aber am Ende einer jeden Familienfeier wurde immer das Ostpreussenlied gesungen und danach weinten alle. Uns Kindern war das immer peinlich. Meine Grußmutter weinte, meine Tanten und Onkel weinten, auch die Angeheirateten weinten, die Ostpreussen gar nicht kannten, nur meine Cousins und ich tranken Eierlikörflip und aßen dazu Salzstangen.“
Petra Reski erzählt über ihre Kindheit und Jugend, in der es eine sehr dominierende Frau gab: ihre Großmutter. Diese Großmutter hat die Resolutheit von Irene Disches „Großmama“, sie hat die ganze Familie im Griff, ohne sie geht nichts.
Petra Reski sind die Erzählungen von „der Heijmat“ entsetzlich. Vor allem, da die ja eine virtuelle zu sein scheint. So weit fort. Trotzdem profitiert sie davon: wenn sie mit ihrer Busenfreundin Gabi, mit der sie ständig im Clinch liegt, Stadt-Land-Fluß spielt, punktet sie bei Stadt immer mit „Allenstein“ –was Gabi überhaupt nicht passt. Wo soll das denn überhaupt sein?!
Ich habe Tränen gelacht bei Reskis Beschreibung von Familienfeiern.

Montag, 18. Juli 2016

Ulla Lachauer: Der Akazienkavalier

Von Menschen und Gärten
Copyright: Cornelia Conrad

Ich bin ganz verzaubert von diesem Buch.
Und weil  jetzt endlich Gartenwetter ist, möchte ich es allen Gärtnerinnen, Urlauberinnen oder Zuhause-Bleiberinnen allerwärmstens empfehlen! Ulla Lachauer hört Menschen zu, die über ihr Leben erzählen; und darin hat immer  ihr Garten eine wesentliche Rolle gespielt.
Es fängt damit an, daß sich die Erzählerin von ihrem Ficus trennt. Haben wir ja alle mal gehabt, dieses raumgreifende, blätterabwerfende Ungetüm – und können uns also gut vorstellen, wie eng die kleine Dachgeschoß-Küche unterm wachsenden  Ficus wurde.
Nachdem sich Ulla Lachauer also schweren Herzens von diesem Ungetüm getrennt hat, wendet sie sich Menschen zu, die ihr ihre Gartengeschichten erzählen.
„Ich bin zur Verrücktheit geboren und zur Biederkeit verurteilt... Und beides lebe ich in meinem Garten.“ Sagt die blinde Gärtnerin aus Freiburg.

Mittwoch, 29. Juni 2016

George Eliot: Middlemarch

Copyright: Cornelia Conrad
Mein Liebster war von diesem Buch so begeistert, daß er oft laut vor sich hinlachte. Und er las mir immer wieder besonders großartige Stellen daraus vor (eigentlich hätte er mir gleich das ganze Buch vorlesen können!). Deshalb habe ich mich ausnahmsweise dazu entschlossen, ihn hier zu einem Gastbeitrag einzuladen - damit Euch seine große Lesefreude anstecken möge. Voià:


Middlemarch!

Über die großen britischen Romanschrifststeller des 19. Jahrhunderts glauben wir
Bescheid zu wissen: Austen, die Brontës, Dickens, Stevenson, Mary Shelley, die uns
den „Frankenstein“ bescherte. Wir reden vom „Jahrmarkt der Eitelkeiten“, auch wenn
uns William Makepeace Thackeray vielleicht nicht so geläufig ist. George Eliot
dagegen, die eigentlich Mary Anne Evans hieß, steht nur bei wenigen auf der inneren
Bestsellerliste. Ihr Buch „Middlemarch“ wurde vergangenes Jahr von 82
internationalen Literaturkritikern und Literaturwissenschaftlern zum bedeutendesten
britischen Roman gewählt. Sie waren von der BBC um ihr Urteil gebeten worden, und
selbstverständlich war kein Brite darunter.
In der Kleinstadt Middlemarch und in den umliegenden Herrenhäusern des
mittelprächtigen Landadels leben um 1830 sehr unterschiedliche Leute. Sie müssen
sich mit Liebeskummer, idealistischen Ideen, überkandidelten Berufsvorstellungen,
Erbstreitigkeiten, Geldsorgen, politischen Reformen und gesellschaftlichen
Vorurteilen herumschlagen, mit Religion, mit dem jämmerlichen britischen
Gesundheitswesen, mit der Bedrohung durch eine unheimliche Erfindung namens
Eisenbahn und noch mit ein paar anderen Sorgen.